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Luftiger Tanz zwischen den Stromkabeln - Online-Artikel auf derwesten.de
Transskription des Online-Artikels "Luftiger Tanz zwischen den Stromkabeln" von Thomas Winterberg, erschienen am 25.07.2011 auf derwesten.de
Luftiger Tanz zwischen den Stromkabeln
Brilon. Kabel in die Steckdose, Schalter an, Fernseher läuft. Alles prima. Dass der elektrische Strom jederzeit fließt, ist für uns alle selbstverständlich. Doch wer kontrolliert eigentlich die Hochspannungsfreileitungen, damit Ströme auch wirklich strömen? Im Altkreis Brilon gehen dafür zurzeit zwei Männer täglich in die Luft. Die WAZ-Mediengruppe hat sie begleitet.
Sanft hebt die Bell 206 B vom Boden des Umspannwerks zwischen Brilon und Nehden ab. Vor zwei Stunden noch war es nieselig und nebelig. Der Start musste verschoben werden. Jetzt klart es allmählich auf. Erstaunlich schnell bringt die rund 400 PS starke Wellenturbine den Hubschrauber in die Luft. Es ist laut und der Reporter auf der Rückbank muss sich an das Rütteln und Schütteln in der Luft erstmal gewöhnen. Dicke Kopfhörer schützen die Ohren vor dem Lärm und machen eine Verständigung nur per Mikrofon und Lauscher möglich.
Routiniert steuert Pilot Rolf Berger von der Firma Rotorflug den dunkelblauen Helikopter zum ersten großen Strommasten. Breitbeinig wie ein Revolverheld steht der Stahlkoloss in der Landschaft. Fast schon kunstvoll sieht das symmetrisch geordnete Arm- und Kabelgeflecht von hier oben aus. Ganz langsam schwebt der Helikopter von zwei Seiten an dem Masten vorbei, überfliegt ihn in Form eines umgekehrten „U“ und steuert mit Tempo 20 am Netz entlang zum nächsten Leitungsträger. Gute zehn Meter ist der Hubschrauber lang und die Kunst besteht darin, mit dem elf Meter langen Rotorblatt keines der Kabel und Strippen zu berühren. Ist das gefährlich? „Keine Bange, ist noch nie was passiert“, knarzt es aus dem Kopfhörer.
Neben dem Piloten sitzt Ulrich Richter. Er hat eine Landkarte auf den Knien, in der das gesamte Netz der großen Hochspannungsleitungen verzeichnet ist. Der Elektromeister ist mit allen Strommasten der Region per Du und arbeitet bei der Firma „Amprion“. Der Dortmunder Übertragungsnetzbetreiber betreut quasi die „Autobahnen“, auf denen der elektrische Strom vom Kraftwerk zu den Umspannwerken kommt. „Wir kontrollieren rund 4500 Freileitungsmasten und etwa 1250 Kilometer Leitungen in einem Gebiet zwischen Meppen im Norden, Wuppertal im Süden, Bochum im Westen und Marsberg im Osten“, erklärt Richter und macht das erste Häkchen auf seiner Liste. Alles paletti. Das gesamte Netz der Firma misst übrigens locker 11.000 Kilometer.
Aus der Luft sind viele Mängel leichter erkennbar als vom Boden: Defekte an den Seilen, an den Isolatoren oder am Mastgestänge. Hier und da sind Bäume so kräftig gewachsen, dass sich ihre Äste schon bald den Leitungen nähern werden. „Bevor wir zur Säge greifen, müssen wir natürlich mit den Landwirten reden“, sagt Richter. Er nickt dem Piloten zu und es geht weiter zum nächsten „Revolverhelden“. Dort unten gibt es Reifenstapel, die zu dicht an einem Masten liegen, ein paar Kilometer weiter flattern Plastikplanen im Wind, die eine Gefahr darstellen könnten. All das wird erfasst, ausgewertet und später von Monteuren behoben. Bei ganz gravierenden Problemen wie einem defekten Isolator rückt die Kolonne sofort aus.
Fünf Wochen dauert die jährliche Befliegung; etwa 50 Masten mit einer Höhe von 30 bis 60 Metern je nach geographischer Lage und bis zu 90 Kilometer Strecke schaffen Ulrich Richter und Rolf Berger pro Tag. „Schon seit 30 Jahren werden Freileitungen vom Hubschrauber aus kontrolliert. Das ist eine sinnvolle Ergänzung; denn neben den Flüge muss das Netz einmal pro Jahr auch zu Fuß kontrolliert werden“, sagt Dr. Andreas Preuß, der bei „Amprion“ für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Schäden an Mastfüßen oder Fundamenten sowie verbogene Maststreben kommen immer wieder vor, wenn zum Beispiel ein Landwirt bei der Ernte den „Koloss“ am „Bein“ erwischt.
Bis zu 380.000 Volt
Auf der Hubschrauberrückbank hat sich der Reporter allmählich an das Ruckeln und Schuckeln gewöhnt. Dass wenige Zentimeter unter ihm 380 000 Volt durch die Leitungen schießen, hat er verdrängt. Den Sicherheitsgurt ist gelockert, das Seitenfenster geöffnet. Links unten fährt ein vermeintlicher Matchbox-Lastwagen in Richtung Egger, weiter östlich drehen sich Windräder bei Radlinghausen.
Der Kraftstoff im Heli-Tank reicht für zweieinhalb Stunden, plus 30 Minuten Reserve. dann muss nachgetankt werden. Neue Energie? Dafür geht’s an die Zapfsäule. Mit Strom aus der Hochspannungsleitung kommt die Bell nicht weit.








