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Mit 110 000 Volt auf Augenhöhe
Transkription des Online-Artikels "Mit 110 000 Volt auf Augenhöhe" von Frank Klausmeyer, erschienen am 30.10.2011 auf bbv-net.de
Mit 110 000 Volt auf Augenhöhe
Westerkappeln, 30.10.2011, Frank Klausmeyer
LadBergen/Tecklenburger Land/ - Nichts nimmt der Verbraucher so selbstverständlich ab wie den Strom aus der Steckdose. Damit zu allen Tag- und Nachtzeiten das Licht angeht, müssen die Energieversorger aber einen enormen Aufwand treiben - beileibe nicht nur in den Kraftwerken. Mindestens genau so wichtig ist ein tadelloses Netz. Dafür geht die RWE regelmäßig in die Luft.Wer in diesen Tagen einen Hubschrauber entdeckt, der sich gefährlich nah an der Hochspannungsleitung entlanghangelt, kann ganz beruhigt sein. Da sucht kein Lebensmüder den Kontakt mit der Freileitung, sondern die Fachleute der RWE begeben sich auf Augenhöhe mit 110 000 Volt.
Jörg Reckers und Hugo Schwartländer haben einen geschulten Blick, um Leitungsschäden, Rost an den Masten oder ramponierte Armaturen auszumachen. Meter um Meter wird das Netz abgeflogen. Mögliche Mängel werden mit Standort protokolliert Typischer Schaden: Das Stromseil wurde vermutlich durch Blitzeinschlag beschädigt.
Rolf Berge bringt die Männer auf kürzeste Distanz zur tödlichen Spannung. Das ist kein Nervenkitzel für ihn, sondern völlige Routine. Seit 37 Jahren steuert der 59-Jährige Hubschrauber, seit 20 Jahren macht er sogenannte Leitungsbefliegungen. Besondere Vorkommnisse? „Nie gehabt“, sagt er lachend. „Sonst würde ich das nicht mehr machen.“
So ein Arbeitstag vergeht für Reckers und Schwartländer nicht einfach im Fluge. Nach etwa 80 Masten und den dazwischenliegenden Leitungen oder - anders gerechnet - ein bis eineinhalb Stunden ist Pause. Berge bringt die Männer zurück und nimmt zwei andere Kollegen an Bord. Denn die Begutachtung verlangt den Kontrolleuren volle Konzentration ab.
Bei den Flügen geht die RWE kein Risiko ein. „Wir starten nicht bei jedem Wind und Wetter“, betont Peter
Routinier am Steuerknüppel: Seit 20 Jahren macht Rolf Berge Leitungsbefliegungen.Wirz. Der Diplom-Ingenieur leitet die Primärtechnik des Konzerns. Das sind die 110-Kilovolt-(kV)-Leitungen und Umspannanlagen.
Im Versorgungsbereich der RWE Westfalen-Weser-Ems gibt es 2439 Kilometer Hochspannungsleitungen und 7292 Strommasten. Einmal im Jahr wird das ganze Netz abgeflogen. Damit lässt das Unternehmen es aber nicht bewenden. Die zweimillionenvierhundertneununddreißigtausend Meter werden jedes Jahr auch zu Fuß abgelaufen. „Viele Sachen sieht man von oben nicht und umgekehrt“, sagt Wirz.
Zudem gibt es für alle Masten im Fünf-Jahresrhythmus eine Intensivinspektion. Dann klettern die Monteure bis in die Mastspitzen, um Stahlkonstruktionen und Isolatoren auf ihren Zustand „abzuklopfen“.
Blitze schlagen recht häufig in die Stromseile ein. Das sorgt zwar nur selten für Kurzschlussreaktionen, die Leitungen werden aber in Mitleidenschaft gezogen und sollten schnell mit einer Reparaturspirale „geflickt“ werden, damit am Ende nicht doch irgendwo unerwartet die Lichter ausgehen.
Andere Fehlerquellen sind ganz natürlich: Hin und wieder wachsen Bäume bis an die Leitungen heran, die dann gestutzt werden müssen. Zuweilen kommt ein Baukran den Seilen gefährlich nahe oder Erntemaschinen haben ihre Spuren an einem Masten hinterlassen.Manches lässt sich problemlos lösen, aber nicht erklären: Peter Wirz zeigt ein Foto, auf dem ein Fahrrad in beachtlicher Höhe im Hochspannungsmast hängt. „Wie das da hingekommen ist, weiß keiner.“
Frank Klausmeyer / 30.10.2011 / bbv-net.de








